Die Pflege ist am ARSCH

Viele von euch wissen, ich bin eigentlich gelernte Krankenschwester. Doch bis gerade eben, habe ich immer versucht meinen eigentlichen Berufszweig hier raus zu halten. Erstens: weil ich noch in einem Angestellten Verhältnis bin und zweitens, weil ich gar nicht so richtig weiß, WO ich eigentlich anfangen, soll die Missstände unseres Berufszweiges aufzuklären. Doch durch die derzeit immer wieder kehrende Präsenz unseres neuen Gesundheitsminister Jens Spahn muss nun auch ich endlich mal anfangen für meinen Berufszweig zu sprechen, denn ja, das Bloggen ist meine absolute Leidenschaft, mein größter Traum, aber die Pflege? Die ist meine Berufung.

Ich bin eine gute, wenn nicht sogar sehr gute Krankenschwester und ich habe es so satt meinen Mund zu halten.

Warum bin ich so gut in dem, was ich tue? Weil ich es liebe. Ich sehe die Menschen, dort wo sie stehen. Ich fordere sie aber auch heraus, um sie wieder dort hinzubringen, wo sie hinmöchten. Ich kann gut mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind, umgehen. Ich baue schnell Vertrauen auf. Lasse mich nicht abspeisen, wenn jemand nicht gewaschen werden mag. Es gibt Grundbedürfnisse in jedem Einzelnen von uns. Ich sehe sie und setze sie um, sodass der Mensch sich danach wohlfühlt. Egal wie viel Zeit ist, ich arbeite gut und immer für den Menschen und nie für das System. Ihr spürt wahrscheinlich die Leidenschaft für meinen erlernten Beruf. Obwohl er nicht wirklich angesehen ist. Ärzte sind so viel mehr in unserer Gesellschaft.

Ich kann Pflegen und nach meinem ersten Tag im Praktikum wusste ich – das will ich machen. Zu Beginn hatte ich etwas Angst mit Eckel und Scham konfrontiert zu werden, aber wisst ihr was? Es ist ein so vielseitiger und interessanter Job, wie ich kaum einen kenne.

Man ist mit Menschen in Kontakt. Begleitet sie durch schwere Lebensphasen. Oftmals kriegt man viel zurück. All die Gespräche, die ich über den Zweiten Weltkrieg, ganze Lebensgeschichten und Lebensziele führen durfte, habe mich so unwahrscheinlich geprägt. Die Menschen, die ich wieder gesund pflegen durfte, haben mir gezeigt, wie viel Kraft in uns Menschen steckt. Die Begleitung hin zum anderen Leben, wie viel Demut in nur einem einzigen Leben stecken kann. Wie viel Frieden wir brauchen, um gehen zu dürfen.

Und noch so viel mehr habe ich in den Jahren als Krankenschwester in mein Herz mit Freude und manchmal auch Trauer aufnehmen dürfen.

Ich bin mit Leib und Seele Krankenschwester, aber SO geht es nicht weiter!

Ich selbst habe meine Ausbildung in einem kleinen Krankenhaus absolviert. Praktisch lagen meine Noten immer bei einer 1, außer in meinem Einsatz in der ambulanten Pflege und Psychiatrie. An diesen Einsatz erinnere ich mich heute noch mit einem Schrecken zurück, aber lassen wir das. Am Ende lag der Fehler wahrscheinlich echt bei mir, weil ich es nicht ertragen, konnte keine eins in meinem Einsatz zu bekommen. Vor allem, weil meine Noten heute noch so relevant sind und meine Fähigkeit Situationen in Relation zu setzen gegen null geht. Wie gesagt. Lassen wir das.

Worauf ich hinaus möchte, ist, dass wir zu Beginn meiner Ausbildung 2010 bestimmt noch 6-8 Personen im Frühdienst waren. Mindestestens zu virt im Spät und jede Schwester seinen eigenen Schüler an der Seite hatte. Wir Schüler mussten uns mehr oder weniger darum reißen alleine arbeiten zu dürfen. Wisst ihr, wie es heute ist? Als Schüler kann man froh sein, wenn man eine Station nicht alleine schmeißen muss. Ich habe schon so viele untragbare Situationen für Schüler erlebt. Einfach aus einer Überforderung heraus, die weder für den Patient gut waren. Noch für den Schüler selbst. Schließlich arbeiten wir mit Menschenleben und dieses kann man auch schnell einmal verlieren.

Da kommen wir zu dem heutigen Grund meines Beitrages. Die Pflege ist am Arsch. Warum? Was meint ihr, was ein voller Stellenschlüssel bedeutet? Ich kann es euch sagen: bricht einer raus, ist die ganze Station im Arsch. Alle laufen auf Sparflamme. Die 100%-Kräfte sind emotional als auch körperlich in der Regel ausgebrannt. Und heute aus Sicht eines Menschen, der viele Menschen aus seiner Familie, die letzten Jahre ins Krankenhaus begleiten musste, bedeutet dies, eine je nach Pflegeaufwand schreckliche Versorgung. Und ich gehe sogar so weit, dass ich behaupten würde: sie ist dem Menschen in der Regel nicht würdig.

„Gleich. Gleich. Gleich.“die Standartantwort im Krankenhaus!

Ich verstehe beide Seiten. Den Menschen, der in seiner vollen Windel über Stunden alleine im Zimmer sitzen gelassen wird und die Pflegekraft, die nicht weiß, wo sie mit ihrer Arbeit beginnen soll. Ist man am Ende durch, fängt man vorne wieder an und das schlimmste? Auf seinem Weg begegnet man nur Menschen, die unzufrieden sind. Wisst ihr, was das für ein erbärmliches Gefühl ist, wenn man alles in seiner Macht und seinen Kräften stehende tut, um am Ende 30 Menschen zu begegnen, die allesamt unzufrieden sind, weil man keinem in der Situation in der er es gebraucht hätte, helfen konnte, weil schlicht weg zu wenig Personal da ist.

Menschen, die eigentlich fit sind und lediglich im Krankehaus wegen einer starken Einschränkung sind, bekommen Windeln angezogen, weil zu wenig Personal da ist, um sie rechtzeitig auf die Toilette zu begleiten. Könnt ihr euch auch nur Ansatzweise vorstellen wie erniedrigend das sein muss für einen Menschen der eigentlich komplett fit ist aus NOT, weil niemand auf sein Klingeln reagiert in eine Windel machen zu müssen oder noch schlimmer in die Hose?

Wie soll man sich aufzeilen, wenn zwei gelernten Fachkräften auf Station sind mit Essenszubereitung Medikamentenvergabe und Aufbereitung plus Pflege?

Meint ihr zu Zweit wird man den Menschen auf Station gerecht?

Und warum ich mich nun entscheide über die Pflege tatsächlich zu schreiben? Weil die Menschen eine adäquate Versorgung benötigen und VERDIENT HABEN! Der Mensch als solches hat in solch einer sensiblen Phase seines Leben wie in einer Krankheit mehr als das verdient und das Personal übrigebns auch. Oft ist es so, dass dieses bis an den Rand seiner Kräfte geht und alles auffängt, was eigentlich nicht mehr tragbar ist.

Man kann froh sein, solange man gesund ist, das ist das einzige worauf man bauen kann!

Es muss sich etwas ändern und ich werde nicht müde, ab heute immer wieder darüber zu schreiben, wie schrecklich eigentlich tatsächlich unsere Pflege in Deutschland ist und da hilft es auch nicht mehr zu ssagen, dass uns andere Länder für unser System beneiden, denn für unsere Pflege sicherlich nicht. Es sind meistens die ausländischen Patienten, die uns a) auslachen für das, was wir als Pflegekräfte alles leisten müssen und b) die Angehörigen, die uns heftig für die schlechte Pflege vor Ort kritisieren. In vielen anderen Ländern müssen die Angehörigen selbst die Pflege übernehmen und das medizinische Personal ist nur für die medizinische Verssorgung zuständig oder es gibt Pflegehelfer, wie zum Beispiel in Amerika. In beinah keinem anderen Land leistet die Pflege unter solchen Arbeitsbedingungen, zu solch einem Lohn – solch eine Akkordarbeit, wie bei uns.

Die meisten Pflegekräfte, die ich kenne würden auf jeden Cent der Lohnerhöhung verzichten, wenn sich nur endlich der Personalschlüssel ändern würde und unser eins wieder ordentlich arbeiten könnte in einem Land in dem die Würde des Menschen im Grundgesetzt als das höchste Gut der Gesellschaft anerkannt ist.

 

familienblog mit alltagsgeschichten rund um das leben einer familie

Alina

Ich bin 29 Jahre jung und inzwischen Mama von zwei Kindern. Einem Sohn (01/14) und einer kleinen Tochter (08/16). Gemeinsam leben wir am Stadtrand von Köln. Streifen durch die Wälder. Kochen, backen und tanzen zusammen.

3 Comments
  1. Liebe Alina,

    ein wichtiges Thema. Ich finde das Gesundheitssystem auch krank. Auf der einen Seite wird Geld gescheffelt mit teilweise überflüssigen Zusatzuntersuchungen und an anderer Stelle, da wo es wirklich nützlich wäre, nämlich der Pflege wird gespart. Die Menschen werden buchstäblich nicht gesund gepflegt, sondern vor lauter Angsschürerrei „Wenn sie diese Untersuchung nicht machen oder jenes nicht nehmen, dann…“ krank.

    Ich hänge mal einen link an. Meine Oma hatte letztes Jahr auch einen Krankenhausaufenthalt und das war schon allein wegen des Pflegezustandes vor Ort eine unschöne Geschichte.

    Ach schlimm. Es wird immer am falschen Ende gespart.

    LG

    https://beatrice-confuss.de/2017/03/18/die-arme-uroma-der-murphy-und-das-gesundheitssystem/

  2. Liebe Alina, meine Meinung kennst Du ja. Ich musste in den letzten Wochen selbst einiges sehen und erleben und bin erschüttert, wie dieses System nicht funktioniert. Es muss aufhören, denn niemand möchte in diesem System alt oder krank sein. Auf dieses System angewiesen. Eher ausgeliefert. Ich hoffe, es änder sich und ich hoffe wir öffnen mit Beiträgen Augen. Ich fürchte leider das Gegenteil.

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