Gewalt an Kindern ist keine Alternative „In meinen Augen bist du schwach“

Hallo, ich bin Mutter und Bloggerin und meine Kindheit war geprägt von der Laune meiner Mutter. Ich danke Alina sehr, dass ich diesen Gastbeitrag schreiben darf. Ich muss ihn anonym schreiben, da ich als Opfer von einer gewalttätigen Mutter, sonst genau diese verlieren würde.

Fangen wir von vorne an:

Kurz vor meinem 6. Geburtstag änderte sich mein Leben, von heute auf Morgen. Ein Jahr später kam ein neues Familienmitglied dazu und ab dem Moment war meine Kindheit vorbei. Ich kann mich auch erst wirklich ab einem Alter von sieben an alles erinnern. Besser wäre es aber ich könnte mich gar nicht erinnern.

Ich saß an meinem Schreibtisch um etwas für die Schule zu tun. Meine Kinderzimmertür ging auf und ich spürte nur noch wie mein Kopf auf die Tischplatte knallt. Mir schossen Tränen in die Augen, mein Puls raste und meine Nase tat höllisch weh. Wir aßen zu Mittag, die Gabel kratzte am Teller und ich spürte nur noch wie meine Wange heiß wurde. Mir fiel ein Glas runter und es ging kaputt, sie jagte mich durch die Wohnung, bis Sie mich hatte. Es gibt unzählige dieser Beispiele. Die körperliche Gewalt war aber nicht das schlimmste, die seelische die gleichzeitig von Statten ging kann man nie mehr heilen.

„Du bist nicht meine Tochter, dich müssen Sie im Krankenhaus vertauscht haben“

„du bist hässlich“

sind nur kleine Beispiele. Egal was ich machte, egal wie klein ich mich machte, egal wie still ich war, egal wie vorbildlich ich war, nix half. Die Launen meiner Mutter waren zwar irgendwann vorhersehbar, aber die Strafe nicht. Von Schlägen über Beleidigungen bis hin zur Isolation zwecks wochenlangen Hausarrest, es hätte alles kommen können. Hinzu kamen die Schläge die ich für mein Geschwisterchen einsteckte, denn es war viel zu klein um das auch noch durchmachen zu müssen.Wieso ich mir keine Hilfe suchte?? Das habe ich, mit blauen Augen oder fast gebrochener Nase wird man schon angesprochen, aber geglaubt hat mir niemand.

Von zu Hause weggehen wollte ich auch, aber irgendwie wusste ich nicht wohin. Ich lebte in Angst vor ihr, vor dem Draußen vor der Zukunft. Mit 18 wollte ich draußen sein, wollte keinen Kontakt mehr und wollte ihr sagen was ich denke. Das sagen hatte ich auch mal versucht, aber daraufhin wurde ich 6Monate ignoriert obwohl ich noch zu Hause wohnte.

Mit 19 bin ich weit weg gezogen.

Wieso Sie das getan hat? Sie hatte eine schlechte Kindheit ist immer meine Standardaussage. Meine Therapeutin bestätigt die Begründung auch, denn es ist ganz klassisch das missbrauchte Kinder es oft auch bei ihren Eigenen mal machen. Werde ICH mein Kind auch so behandeln??? NEIN!!! NIEMALS!!! Es soll niemals das erleben, was ich erleben musste. Ich habe immer noch Kontakt zu meiner Familie. Durch eine Entfernung von mehreren hundert Kilometern wurde es einfacher und ich dachte ich habe ihr verziehen.

Als ich Mutter wurde änderte sich alles wieder, da die Oma das Enkelchen sehen möchte und sich einmischen will und so tut als ob Sie selber eine liebevolle Mutter war. Seitdem ist die Wut zurück, seitdem habe ich Aggressionen und seitdem kann ich Sie nicht abbauen da die betreffende Person damit nicht konfrontiert werden kann. Warum? Weil Es für Sie eine Lüge ist, weil Täter das Glück haben, dass ihr Gehirn, ihre Taten verdrängt. Das sagt meine Therapeutin und so benimmt sich auch meine Mutter. Meine Mutter würde demnach denken ich lüge, Sie würde sich verraten fühlen, sich als Opfer fühlen und sich wahrscheinlich irgendwas antun und Ich, ich wäre dann der Täter, ich wäre schuld daran, dass es ihr schlecht geht.

Genau deshalb werde ich für den Rest meines Lebens nichts sagen können. Es frisst mich innerlich auf. Ich hasse Sie aber ich habe auch Mitgefühl. Ist es das, was manchmal Vergewaltigungsopfer für ihre Peiniger empfinden??? Ich denke ja. Blut ist dicker als Wasser, sagt man immer!!! Ich wäre froh wenn das nicht so wäre. Ich wäre froh wenn es keine Menschen wie mich gäbe, die gezeichnet fürs ganze Leben sind, weil Sie als Boxsack für die eigene Mutter herhalten mussten.Wer also behauptet ein Klaps auf den Po schadet nicht, der hat ja gar keine Ahnung. In Kombination mit psychischer Gewalt, schaffen es die wenigsten ein halbwegs normales Leben zu führen, ohne sich irgendwann professionelle Hilfe zu holen.Deswegen appelliere ich an alle Eltern, bitte übt weder physische noch psychische Gewalt aus, ihr zerstört die kleine Kinderseele. Daraus entstehen Probleme, die man nie wieder lösen kann.

Die Opfer müssen damit leben und sich mühevoll in ein glückliches Leben kämpfen.Ich weiß, dass ich das schaffe und ich danke Dir Alina, das ich mir das von der Seele schreiben konnte. Auch wenn es anonym sein muss, hoffe ich, Eltern damit zu erreichen und die Opfer, die Kinder denen es genauso ging und heute als Erwachsene mit den Schäden kämpfen.Ich bin gerne bereit mit anderen Betroffenen zu sprechen.

Einfach Alina ansprechen. Eure anonyme Schreiberin!

 

 

Wut und Trauer sind keine Zeichen von Schwäche. Körperliche Gewalt hingegen schon. In meinen Augen bist du schwach!

 

Alina
Follow me

Alina

Bloggerin bei Liebling, ich blogge - jetzt!
Hier schreibt Alina, Mama von zwei Kindern, 28 Jahre jung und wohnhaft am Stadtrand von Köln. Meine Leidenschaft gilt dem Schreiben, Reisen und Leben in meiner kleinen Familie.
Alina
Follow me

Letzte Artikel von Alina (Alle anzeigen)

Schön, dass Du da warst! Sehen wir uns bald wieder?

8 comments

  1. Das schlimmste ist denke ich, die Fragen zu beantworten und zu wissen, dass meine eh keine Hilfe bekommt. – Wie viele Menschen bekommen das mit, dass Kinder (oder auch Erwachsene) geschlagen werden und sehen zu….oder versuchen weg zu hören, da es sie selbst nicht betrifft? – Manch eine/r weiß auch gar nicht, wie man helfen könnte….Leider. – Schlimm sind aber auch Sprüche,wenn man in der Kindheit nicht geschlagen wurde wie „du wurdest viel zu selten geprügelt, hätte ich das getan, wärest du anders geworden“….

  2. Liebe anonyme Bloggerin,

    ich komme mir gerade vor, als hättest Du meine Kindheit zu Papier gebracht…
    Nur ganz kurz angerissen- denn würde man einfach alles rauslassen, könnte man Buchbände füllen.
    Für mich ist die Erklärung, dass meine Mutter eine narzisstische Persönlichkeitsstörung haben muss. Meine Therapeutin äußerte sich mal den Verdacht.
    Ich habe bis Anfang dreißig immer wieder versucht, eine Beziehung zu dieser Frau zu haben. Bin einen langen Weg von Depressionen, Therapien etc gegangen, um aufzuarbeiten was sie mir angetan hat. Da aber die psychische Gewalt auch heute im Erwachsenenalter nie ein Ende fand, habe ich nun seit 2,5 Jahren keinen Kontakt mehr. Und es geht mir wirklich besser damit.
    Seit einem halben Jahr habe ich ein Kind und weiß genau was Du meinst- da kamen schlimme Gefühle hoch. Man schaut sein unschuldiges Kind an und weiß, dass man selbst so unschuldig auf diese Welt kam und fragt sich, wie dieses Monster fähig war all das mit einem so unschuldigen Wesen zu tun!?
    Ich werde mein Kind auch NIEMALS so behandeln. Und zum Glück hat man auch die Macht es umzusetzen, wenn man denn will.
    Unsere Mütter wollten wohl nicht wirklich.

    Die Narben bleiben – aber Du und ich- wir sind ein Beispiel dafür, dass wir die Kette unterbrechen können und nicht auch Täter werden, weil wir Opfer sind/waren. Alles Gute für Dich.

  3. Ganz,ganz schlimm so etwas.
    Ich kenne das auch,besonders mit der Gabel auf dem teller kratzen kommt mir sehr bekannt vor. Allerdings bin ich dann mit 13 Jahren ins Kinderheim gekommen. Ob es besser oder schlechter war,naja darüber lässt sich streiten. Aber all das was wir erlebt haben haben uns zu dem gemacht was wir heute sind,und ich für meinen Teil bin sehr stolz auf das was aus mir geworden ist 🙂 Wer weiss wie ich geworden wäre hätte ich all diese Erfahrungen nicht gemacht, so versuche ich mir das ganze immer*schön* zu rden..

    Liebe Grüsse und alles,alles gute,
    Bianca

  4. Vielen Dank für diesen mutigen und ehrlichen Post! Ich bewundere Menschen die so ehrlich über ihre schlimmsten Erlebnisse schreiben können…

    Einer meiner Exfreunde war auch ein misshandeltes Kind, mit 2 Jahren durch die Wohnung getreten und so ging sein Leben weiter. Ich habe ihn einige Jahre lang begleitet und was soll ich sagen, er hat sein Leben nie wirklich in den Griff gekriegt und ist nach wie vor total unglücklich.

    Ganz schlimm finde ich wenn ich heute von Eltern höre, wie sie mit ihren Kindern umgehen (nur mal ein Klaps, ins Zimmer sperren, vor Gästen auf den Hintern hauen usw.) und das auch noch rechtfertigen mit einer guten Erziehung. Aufklärung ist so wichtig…

    Liebe Grüße, Frida

    1. ch bewundre sie auch und ich glaube sie freut sich sehr über deinen Post und unser Mitgefühl.

      du hast es ja anscheinend auch miterleben dürfen wie es ist, wenn jemand nicht daraus kommt und gerade deswegen finde ich ihren Text so toll, weil man ihre Wut merkt und das ist der erste und beste Schritt und sie sich traut ihre eigene Familie zu haben.

      Danke Frida sie wird es sicherlich alles lesen was wir schreiben

  5. Oh man, da wird mir gleich anders beim lesen. Ich frage mich als Mutter immer wieder, wie man beim Blick in Kinderaugen zu so etwas fähig ist. Wie kann man einem Kind Leid antun? Es ist für mich unvorstellbar. Danke, liebe Anonyme, fürs Teilhaben und danke, liebe Alina,Teilen der Geschichte. Ich bin glücklicherweise nie in der Situation gewesen, weiß aber zu gut, dass es viele gibt, die Angst haben. Auch vor der Situation, dann selbst Mama zu sein.

    1. Ich frage mich auch immer so viel, wenn ich sowas lese, aber irgendwie findet man doch keine Antwort auf all das.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.