Liebe Mama, lieber Papa!

Mama und Papa, ich hab euch lieb!

Seit gut zwei Wochen arbeite ich auf einer neuen Station, genauer gesagt auf einer Chirurgischen Station – weit weg von Geriatrie und etlichen Pflegefällen an nur einem einzigen Tag.

Doch mit dem Abstand kommt die Einsicht und die Klarheit das es aller höchste Zeit wurde die Notbremse zu ziehen, denn eins merke ich inzwischen: Es ging mir nicht mehr gut. Neben dem Gefühl körperlich nicht mehr zu können, die Kraft nicht mehr zu haben dieser Arbeit weiter Stand zu halten überwiegte ein Gefühl am aller meisten

– Angst.

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Angst vor dem was nicht in unserer Hand liegt. Vor dem was wir nicht bestimmen können. Vor dem was irgendwann auf uns zukommen wird; egal ob wir die Kraft in diesem Moment dazu haben oder nicht. Es werden Momente kommen die uns alles abverlangen werden.

Es wird der Moment kommen in dem ich Abschied nehmen muss. Vielleicht von meinen Eltern, vielleicht von meinen geliebten Geschwistern, von meinem Lebenselixier? Von Mir? Ich weiß es nicht, nur eins das weiß ich: Ich kann mich nicht mehr damit beschäftigen.

Es lähmt mich. Diese Angst lähmt mich. Die Vorstellung lähmt mich.

Neben mir gibt es bereits einige Freundinnen die sich von einem Elternteil aufgrund einer schlimmen Krankheit verabschieden mussten. Ich kann dieses Gefühl nicht nachvollziehen, denn meine Eltern leben noch – beide. Ich dachte ich könnte es, aber nein, das kann ich nicht. Einen Verlust musste ich, als Teenager erdulden, es tat weh – mehr als das, es zerriss mich. Mein Verlust riss mir in jenem Moment – im wahrsten Sinne des Wortes den Boden unter den Füßen weg, doch heute, ein paar Jahre später – denke ich, dass ich jung und voller Emotionen, ein Leben in vielen Mitten lebte – nur eben noch nicht in meiner; in meiner eigenen Mitte.

Eigentlich bin ich kein Mensch der sich in der Vergänglichkeit des Seins verirrt, doch auf einmal war da meine Arbeit, der körperliche Zerfall – so nah vor meinen Augen und auf der anderen Seite meine Lieben und diese unfassbar tiefe Liebe zu Ihnen.

Zu den beiden Menschen die mir mein Leben schenkten und mich prägten wie es keiner sonst schaffte. Sie leben getrennt. Haben sich bewusst dazu entschieden eigene Wege einzuschlagen. So lange sie glücklich sind war das für mich immer okay was sie taten, aber was wäre ich ohne sie?

Luft.

Ich brauche sie. Egal wie alt ich bin. Ich will sie nicht verlieren müssen. Ich will immer ihre Gerüche bei mir haben. Hier in dieser Welt – ganz nah. Es ist der Lauf der Zeit, das Leben – gäbe es denn das Leben überhaupt ohne den Tod?

Mein Vater sagte einst zu mir, als seine Mutter starb: ” Es ist wohl der schlimmste Verlust im Leben, seine Eltern gehen zu lassen und egal wie alt man doch ist – es nimmt der Trauer überhaupt nichts”

Dieser gestandene Mann, so traurig.Der Mann der mich trug über Stock und Stein. Der mich wiegte, wenn es unruhig wurde in meiner Welt. Dieser gefestigte Mann so traurig.

Ja, so ist das Arbeiten in der Pflege: auf einmal blickt man hinter Fassaden hinter die man überhaupt nicht schauen wollte. Vielleicht bin ich zu sensibel. Vielleicht habe ich den Sinn des Ganzen nicht verstanden oder für mich ist dieser Beruf nichts oder – aber vielleicht bin auch ich – einfach nur ein Mensch. Ich habe mich nicht mehr gefühlt in dieser Art Pflege zu praktizieren. Ich war ständig schlecht drauf. Habe es an eben jenen ausgelassen die ich doch so sehr liebe, einfach weil ich Angst hatte dieses Gefühl zu nah an mich heran zu lassen.

Heute, als ich vom Dienst weg fuhr hatte ich Lust auf mehr und das hat sich so unfasbar geil angefühlt, dass ich einfach keine besseren Worte dafür finden kann, als die!

Ich möchte danke sagen, für eine besondere Zeit, doch vor allem möchte ich neu anfangen. Hinter mich blicken ohne etwas zu verdrängen. In ruhe mich daran erinnern, wie oft es zu spät sein kann – um einfach mal zu sagen:

” Ich hab dich lieb”


Liebe Mama, Lieber Papa,

ach wie oft ich doch mit euch gehadert habe.
Wie frech ich doch manchmal zu euch war.
Angefangen mit kleinen spitzen Sprüchen wie: ” Wer Kinder in die Welt setzt muss auch für sie zahlen” bis hin zu nächtlichen Party-Marathons.
Ignorant war ich! Egoistisch!
An alle habe ich gedacht nur nicht an eure Sorgen und Zweifel.
Und dennoch standet ihr immer an meiner Seite.
Habt auf mich gewartet. Auf meine Vernunft, manchmal vergeblich gehofft, aber am Ende standet ihr neben mir und habt alles mit mir ausgebadet von Schufa Einträgen bis hin zu nicht bezahlten Mahnungen und nicht abgegebenen Referaten.
Meine Jobs habt ihr gekündigt, weil ich unglücklich war, alles habt ihr getan nur eins nicht – mich im Stich gelassen!
Ich war nicht immer einfach, dachte mir stehen Dinge zu, einfach weil ich eure Tochter bin. Dachte immer ihr müsstet alles besser machen.
Dachte ich mache alles für euch, das ihr aber nur an mich gedacht habt, wurde mir erst später klar. Eure Hilflosigkeit interpretierte ich, als Hysterie. Eure Fürsorge, als Klammern und eure Liebe, als Zwang.
Dass euer Sorge eine von mir falsch interpretierte Strenge war, lerne ich erst jetzt, als Mutter eines kleinen Sohnes.
Ich vermisse euch – sehr sogar.
Zu gerne würde ich euch etwas von dem – was ihr mir jahrelang gegeben habt wiedergeben, alle Briefe die ich mit einer mahnenden Hand schrieb – vernichten.
Oft wenn mich der Kleine mit seiner Art, mit seiner fröhlichen Kindlichen Art an den Rand der Verzweiflung treibt, weil er gut und schlecht nicht unterscheiden kann, dann denke ich an euch und eure Liebe – mit wie viel Liebe, mit wie viel Fürsorge und Verständnis ihr mich begleitet habt – auf meinem Lebensweg, bis heute steht ihr da und badet alles mit mir aus.
Ich wollte unbedingt erwachsen werden. Früh ausziehen um auf eigenen Beinen zu stehen, mein Leben selbst managen, da es ja alles nicht so schwer sein konnte, wie ihr einst behauptet habt.
Das Leben mit seinen Regeln ist das eine, die Einsamkeit das andere.
Ich vermisse euch, weil ich euch so liebe.
Ich erinnre mich leise an ein Lachen, an ein kindliches fröhliches Lachen, das Lachen das nur Kinder kennen. Das nur Kinder können, glückliche Kinder, eins von denen das ich war. Entgegen allem was ich je behauptete war ich ein unfassbar glückliches Wesen.
Wie ich auf die starken Arme meines Papas zulief und er mich auffing. Sein Geruch. Der unverkennbare Duft meines geliebten Vaters. Ein Hauch Nivea, ein Hauch von ihm.
Wie ich es liebte, zu wissen dass bei diesem Geruch die Welt in Ordnung war. Heute wie früher.
Mama, die unverkennbare weiche Haut einer Mutter – die Schulter.
Ihr wart immer meine Eltern, aber wissen was ihr Tag für Tag und Nacht für Nacht für mich gemacht habt, das weiß ich erst seitdem ich meinen kleinen Samuel in meinen Armen halten darf.
Eure Sorgen, Eure Ängste, euren Zorn, den verstehe ich erst seitdem ich Mutter bin.
Eure Liebe, die verstehe ich erste JETZT!
Ich möchte einfach danke sagen – für all die Stunden, Minuten, Sekunden und all die Jahre die ihr mir geschenkt habt. Die ihr mich getragen habt, die ihr mich begleitet habt, die ihr mich gehalten habt, die ihr mich gestützt habt, da wo ich es brauchte, da wo ich es nicht konnte.
Eure Mühe war nicht umsonst, denn heute bin ich eine junge Frau die lieben, Leben und fühlen kann so wie ihr es mir beigebracht habt.
Ich habe Stärke, Stolz und Ehrfrucht von allem nicht zu viel, aber genug um Leben zu können.
Jeder von euch hat mich auf seine Art und Weise gestützt und geprägt wie ihr es am Besten konntet. Von dem einen habe ich gelernt zu kämpfen. Von dem anderen habe ich gelernt aufrichtig zu lieben und zuzuhören.
Ich liebe euch wie es glückliche Kinder tun. Es tut mir leid, dass ich das erst so spät erkennen konnte was eure Liebe stets ausmachte. Ihr habt mir meine Richtung, mit den stärksten Pflastersteinen gepflastert. Mein Gerüst des Lebens ist in sich fest.
Dafür möchte ich euch heute danken!
Aus tiefstem Herzen möchte ich euch für eure Zeit, eure Liebe, euren Zuspruch und euer Engagement danken. Ihr seid die besten Eltern die sich ein Kind wünschen kann.

Danke!

buggyFit3

Eure euch aus tiefstem Herzen liebende Tochter

PS: Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann würde ich jetzt lachen – so wie es Kinder tun. Nur so wie es Kinder können – Lachen!

Schön, dass Du da warst! Sehen wir uns bald wieder?

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5 comments

  1. Meine Liebe Alina!

    Ich kann aus tiefstem Herzen nach empfinden, wie du dich fühlst.
    Die Pflege ist nicht einfach und sich ich stand schon oft kurz vor der Notbremse.
    Ich freue noch für dich, dass du einen anderen Weg eingeschlagen hast und du doch jetzt besser fühlst.
    Ich für meinen teil von noch auf dem weg der suche.

    Ich hoffe für dich, dass du dort bleiben kannst, wo du dich wohl fühlst und entspannter arbeiten kannst.

    Ich denke, dass der Tod genauso zum leben gehört wie die Geburt.
    Dennoch ist es schwer, wenn man Tag täglich damit konfrontiert ist. Auch wenn es nicht die nächsten Angehörigen sind. Man möchte dieses Thema immer gerne von sich weh halten.

    Ich hoffe, dass du noch lange fasse Thema aus deinem Leben gern halten kannst!

    Liebste Grüße
    deine Katha

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