Ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf möglich? #1

Ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf möglich? Eine Mutter schildert ihren Alltag

Da war er wieder… gestern so ein Tag, an dem ich das Gefühl habe, dass mir so gar nichts gelingt und noch viel schlimmer, dass ich auch nichts und Niemandem gerecht werde. Am allerwenigsten meinen Kindern. Ich arbeite 25 Stunden bei einem christlichen Träger, eine Arbeit, die mir viel Freude bereitet, die aber auch anstrengend ist und in der ich auch viel selbst auf den Weg bringen muss. Und dann habe ich noch einen wundervollen Mann, der zwar wirklich wundervoll ist, aber auch in einer leitenden Position beschäftigt ist und unter einer 50-Stunden-Woche eigentlich nie arbeitet. Und meine zwei Jungs, 7 und 4.

Das schlechte Gewissen

Der Große geht seit September in die Schule, der Kleine in den Kindergarten. Eigentlich alles gut durchgeplant und organisiert, Organisieren liegt mir ohnehin, das war noch nie das Problem. Nur das, was mir wirklich zu schaffen macht, ist mein Gewissen. Dass sich immer wieder ganz leise und dann an anderen Tagen auch sehr laut meldet. Ich tue wirklich, was ich kann, bin manchmal ein bisschen zu perfektionistisch und leider auch ziemlich stur. Ansonsten aber eigentlich sehr gut zu handhaben. So wie meine Kinder auch. Sie sind kontaktfreudig und haben viele Freunde, sind gut integriert. Und trotzdem kämpfe ich. Ich war, bevor ich im Oktober angefangen habe zu arbeiten, sechs Jahre bei meinen Jungs daheim. Bei jedem durchgehend von der Geburt bis zum Kindergarten. Ich hatte immer Zeit, der Haushalt war gemacht, ich war entspannt.

Vielleicht sollte ich dazu sagen, dass ich keinen Studienabschluss habe. Während des Studiums kündigte sich Zwerg Nummer eins an, aber ich habe keine Sekunde gezögert, war verheiratet, ich wollte Kinder und ging in der Mutterrolle nur so auf. Nach sechs Jahren Stay-at-home-Mom und mit der sicheren Fremdbetreuung meiner Kinder wollte ich nun wieder arbeiten oder zumindest dachte ich, es wäre an der Zeit. Mein Mann hatte schon des Öfteren Herzprobleme, verbunden mit stationären Aufenthalten und irgendwie bleibt da auch das Gefühl, dass ich ein Einkommen brauche, wenn er doch einmal nicht mehr so arbeiten kann, wie er es gerade tut.

Mama geht zurück in den Beruf

Zugegebenermaßen waren meinen Chancen natürlich nicht sehr hoch gleich etwas zu finden. Ich hatte ja schließlich keinen Abschluss, aber durch viele Ehrenämter in verschiedenen Bereichen einen gewissen Namen, so dass ich tatsächlich eine sehr gut bezahlte Stelle erhielt. Von diesem Tag an hat sich unser Leben aber um 180 Grad gedreht. Ich stehe morgens um 5.30 Uhr auf, mache Frühstück und für meine drei Männer Brotzeit. Mein Mann verlässt kurz darauf das Haus, anschließend wird gefrühstückt, die Kids fertig gemacht und auch ich selbst versuch das Beste aus mir zu machen, wenn mir das auch nicht immer gelingt. 😉 Um 7.15 Uhr stürzen wir bereits aus dem Haus, der Große wird von einer Freundin abgeholt, der Kleine ist um 7.30 Uhr im Kindergarten. 25 Minuten Fahrtzeit auf die Arbeit und schon im Auto, der erste Hauch von schlechtem Gewissen.

Wünsche und Bedürfnisse

Der Große hat mal wieder gesagt, dass er nicht zu spät aus dem Hort geholt werden möchte und der Kleine war mit einer der Ersten im Kindergarten. Puh. Weiter geht’s mit vielen Aufgaben auf der Arbeit, um dann zwischen 13 und 13.30 Uhr wieder nach Hause zu fahren, die Kids einzupacken, mit dem Großen Hausaufgabe machen. Zu diesem Zeitpunkt ist oft noch nicht einmal der Frühstücksteller vom Tisch geräumt, also wird parallel Haushalt gemacht und für den Abend gekocht. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich manchesmal die Stunden zähle bis meine Kids schlafen, bis es ‚endlich‘ etwas ruhiger ist und ich irgendwie erleichtert bin, dass ich sie nicht das siebenundachtzigste Mal Mama rufen höre. Wenn meine Gedanken mich plagen, weil ich nicht ruhig bleiben konnte, wenn das zehnte Glas umgefallen ist, obwohl es nie Absicht war.

Der Alltag

Ich die Streitereien zwischen den Jungs manchmal einfach nicht mehr aushalte, selbst so gestresst bin, dass ich nicht ruhig bleibe. Wenn ich sehe, dass ich manchmal nicht die Mama bin, die ich so gern sein möchte. Wenn sich mein Stress auf meine Kinder überträgt, weil ich mich wirklich überfordert fühle. Oft frage ich mich dann, haben sie heute gespürt, dass ich sie liebe? Haben sie gemerkt, dass sie das Allerwichtigste auf Gottes Erden für mich sind, dass ich unendlich dankbar und stolz auf sie bin? Ist es die Arbeit wirklich wert, dass meine Kinder vermeintlich leiden, weil sie länger als manch andere Kinder im Hort oder im Kindergarten bleiben müssen? Gibt mir die Arbeit so viel, dass es das rechtfertigt? Oder leiden meine Kinder gar nicht, sondern es ist eher meine Interpretation? Weil ich doch eine kleine „Mumsel“ bin, eben sehr an meinen Kindern hänge.

Das sind alles Fragen, die mich immer wieder beschäftigen, die es mir sehr schwer machen, wirklich die Balance zu finden zwischen Familie und Beruf. Natürlich tut es gut, wenn man tolles Feedback für seine Arbeit bekommt, aber gleicht es das schlechte Gewissen aus? Ich weiß es einfach nicht und ich kann es auch nicht beantworten. Zumindest im Moment nicht. Alles, was ich weiß ist, dass meine Familie das Allerwichtigste ist. Dass ich jederzeit zu arbeiten aufhören würde, wenn es nicht mehr ginge.

Glücklicherweise habe ich den finanziellen Druck nicht arbeiten zu müssen, aber natürlich ist es ein nettes Zubrot. Auch wenn das bedeuten würde, dass aufgrund meines nicht vorhandenen Berufsabschlusses, meine Perspektive nicht sehr gut wäre.  Und das bekomme ich oft auch von Familienmitgliedern zu hören: So eine Chance bekommst du nie mehr, usw. Das mag stimmen. Mein Mann sagt, dass es den Kindern gut geht und alles prima läuft. Vielleicht hat er Recht, vielleicht stresse ich mich auch einfach selbst zu sehr hinein. Nur gestern, da war wieder so eine Situation, die hat meinem Herzen einen Stich versetzt.

„Ich liebe meine Kinder“

Der Große durfte mit mir im Auto fahren, saß vorne. Wir hörten „Wie schön du bist“ von Sarah Connor und sangen lautstark mit. Bei manchen Phrasen nahm ich seine Hand und deutete auf ihn, um ihm zu zeigen, dass er das auch alles für mich bedeutet. Ganz plötzlich und unvermittelt fing er zu weinen an. Er konnte mir nicht erklären warum. Selbst, als wir zu Hause waren, hat es ihn immer noch geschüttelt. Es hat ihn berührt und es hat mich dadurch umso mehr berührt. Ich muss meinen Kindern viel öfter noch sagen, dass ich sie liebe und dass es nichts Wichtigeres für mich gibt.

Sie sollen das trotz all dem Chaos und der Alltagshektik immer wissen. Ich weiß, dass ich mit diesem Beitrag leider kein Patentrezept für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf liefere, wahrscheinlich werfe ich noch mehr Fragen auf. Aber das ist das ganz normale Liebes-Alltags-Familien-Chaos, in dem wir leben. Mit Höhen und Tiefen, viel Nähe und der Frage, wie lässt sich Familie und Beruf perfekt vereinbaren. Ich habe noch keine Lösung gefunden.

Alles Liebe – eine stille Mitlerserin!

 


Du möchtest auch gerne über eure Vereinbarkeit in der Familie schreiben? Gerne, schreib mich einfach an!

Schön, dass Du da warst! Sehen wir uns bald wieder?

1 comment

  1. Unsere Tochter ist gerade ein Jahr alt geworden und ich überlege auch schon länger, wie es weitergehen soll. Da meine Mutter berufstätig ist und die Mutter meines Mannes psychisch nicht fit ist (und die Urgroßeltern zu alt sind um ein Baby zu betreuen) hat sich der Wiedereinstieg für mich erstmal erledigt, weil wir in unserem kleinen Dörfchen auch keine Möglichkeit der Kinderbetreuung haben. Richtig einsteigen kann ich wohl erst, sobald ich für unser Mädel einen Kinderbetreuungsplatz habe. Das wird in zwei Jahren sein, denn ab 3 Jahren werden Kinder hier in unserem Kindergarten aufgenommen.

    Mein derzeitiger Arbeitsplatz geht mir unter diesen Umständen natürlich verloren, denn ich müsste in 10 Monaten in meinen alten Beruf zurückkehren. Zum Glück habe ich die Chance als Freiberuflerin alternativ von zu Hause aus zu arbeiten.

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