Oh Boy // „Du machst es mir nicht leicht“

Ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf möglich? Eine Mutter schildert ihren Alltag

Bevor man sich im Leben für Kinder entscheidet, stellt man sich natürlich irgendwas vor. Malt sich aus, wie es werden wird. Der Alltag. Der Moment, in dem man der Liebe zu seinem Partner noch ein i-Tüpfelchen aufsetzt. Wobei es bei uns von vornherein nicht so rosig war, wie man es sich vielleicht wünscht. Die Tatsache, dass bei uns Nachwuchs unterwegs zu sein scheint, war eine harte Probe für unsere Beziehung. Eigentlich waren wir noch nicht so weit. Hätten uns nach zwei Jahren Beziehung noch ausleben müssen.

Nichtsdestotrotz entschieden wir uns damals gemeinsam für das Kind. Inzwischen haben wir zwei. Sind glücklich als Familie. Wachsen jeden Tag ein Stück weiter zusammen. Tauschen uns aus. Reden miteinander. Mal mehr, mal weniger gut. So ist das im Leben einer Familie. Es gibt gute Tage. Weniger gute. Schlechte.

An dem Tag, an dem mein Sohn in unser Leben trat, wusste ich vom ersten Moment an, dass ich ihn lieben würde. Für mich stellte sich mit meinem positiven Schwangerschaftstest nie die Frage, ob oder ob nicht, nur wie. An dem Tag, als ich seine braunen Augen zum ersten Mal sehen durfte – wusste ich, dass ich ihn nie wieder loslassen würde. So kam es: Ich hielt ihn. Nach der Geburt. Die erste Zeit. Die ersten Monate. Ich legte ihn kaum ob. Ständig schaute ich ihn an. Erzählte ihm Geschichte. Schnupperte an seiner zarten Haut. Es war, als wäre ich, dank ihm neu geboren.

Mein Sohn. Mein erstes Kind

Er gab mir alles zurück, was ich glaubte verloren zu haben. Meine Liebe zu mir selbst. Mein Glaube an das Leben. Die Hoffnung, dass alles gut werden würde. Mit ihm in meinem Leben wusste ich plötzlich wieder, wofür es sich lohnt zu kämpfen. Aufzustehen. Die Augen aufzumachen. Das Leben zu bestreiten. Oh Boy, was tat das gut.

Mit der Zeit wurde er größer. Wir entwickelten uns. Er wurde selbstständig. Autonom. Mit drei Jahren ist er ein kleiner Wirbelwind, der ganz genau weiß, was er möchte. Mit der Veränderung ein großer Bruder zu sein entwickelt sich sein kleiner Charakter ab und zu, zu einem wahren Tyrann. Immer öfter gab es Situationen, in denen ich mir nicht mehr zu helfen wusste. Laut schreie. Wütend wurde. Aus Angst, der kleinen Schwester könnte etwas zustoßen.

Der Alltag

Die Wände unserer kleinen drei Zimmerwohnung scheinen mich manchmal erdrücken zu wollen. So schlecht ist die Atmosphäre zu Hause. Er haut. Er pitscht. Schreit. Schuppst den Kinderwagen auf die Straße. Oft kann ich überhaupt nicht so viele Augen haben, wie ich sie bräuchte. Mein Sohn lechzt nach Liebe und Anerkennung, wo er nur kann. Es ist nicht seine Schuld. Sondern meine. Es gibt Situationen. Momente, in denen, meine anfängliche bedingungslose Liebe für ihn in Hass umschlägt. So leid es mir tut. So schwer es mir fällt mit Tränen in den Augen hier vor meinem Bildschirm zu sitzen und meinen Gefühlen einen Namen zu geben, so sehr verlangt es mein Inneres Ordnung in dieses Gefühlschaos zu bringen.

Ich weiß, dass es nicht seine Schuld ist. Hauen. Spucken ist sein Weg ist, um aufzufallen. Sein Weg, um mir zu zeigen – “mir fehlt was. SIEH HER!” Gerade stecke ich viel Zeit in seine kleine Schwester. Übergehe ihn oft, weil es gerade einfacher für mich ist, sie selbst zu füttern, als ihm die Manscherei zu überlassen. Eigentlich kenne ich einen besseren Weg, als den für den ich mich letztendlich entscheide. Klügere Ansätze.

Ich bin auch nur ein Mensch

Am Ende eines Tages bin ich nur ein Mensch. Eine Frau mit Sehnsüchten. Einem Verlangen nach Zeit für mich. Ein paar Minuten, in denen ich durchatmen kann. Am Tag. In der Nacht. Entscheide mich bewusst für den falschen Weg, weil er einfacher ist. In diesem Moment. Da es dieser Moment ist, der mir die Luft zum Atmen nimmt. Ich weiß, dass es falsch ist. Ich es uns nur noch schwerer mache. Mir fehlt die Kraft, um zu sagen: “Komm, wir machen es gemeinsam”.

Eine kluge Frau sagte mir einmal: “Nur etwas, dass Du so sehr liebst. Kannst Du so sehr hassen” Ich denke, da ist was dran. An manchen Tagen überrollt mich die Wucht meiner negativen Gefühle. Natürlich fühlt es sich falsch an. Das schlechte Gewissen stellt sich unmittelbar ein. Stets habe ich versucht meine Tochter, das Baby und meinen Sohn zusammenzuführen. Schöne Zeit mit ihnen gemeinsam zu verbringen. Jetzt bin ich dabei einen anderen Weg für uns zu suchen. Es besser zu machen. Dem Sohn Zeit zu schenken, die nur ihm gehört. Uns.

Der klügere Weg

Seit dem Wochenende gehen wir freitags zusammen zum Kindertanzen. Samstags ist Schwimmtag. Erst wollte ich ihn alleine ins Wasser lassen. Gott sei Dank habe ich mich dazu entschieden den Kurs mit ihm gemeinsam zu machen. Vergangenen Samstag absolvierten wir unseren ersten Schwimmkurs – gemeinsam. Samuel war wie ausgewechselt. Er klammerte sich in meine Arme, wie nie zuvor. Reibte seine Nase an meine. Lachte aus tiefstem Herzen, wie er es lang nicht mehr getan hatte. Als er ins Wasser sprang. Gerade zu in meine Arme freute er sich bei jedem Sprung aufs Neue. Ich schaute ihn an. Diesen Jungen, der so groß geworden schien. Wie er dort oben am Beckenrand stand. Bereit von meinen Armen aufgefangen zu werden. Und plötzlich war er wieder ganz klein. Mein Sohn, der im Alltag nichts weiter sucht, als meine Aufmerksamkeit. Meine Bestätigung. Die Liebe seiner Mutter. Rein und Bedingungslos – egal, wie er sich am Ende eines Tages aufführt.

Nur Du

Diese Sicht auf ihn darf ich nicht verlieren. Am Ende eines jeden Tages ist auch er nur ein Kind. Ein kleines Wesen, welches nur versucht “gesehen” zu werden. Ohne Absicht. Scham. Aus einem einzigen Grund, weil es – mich braucht.

Schön, dass Du da warst! Sehen wir uns bald wieder?

Das könnte dir gefallen ...

2 comments

  1. Puh, Dein Text ist schwer zu lesen, er treibt mir die Tränen in die Augen. Ich habe auch zwei Kinder, von denen eins sehr “anstrengend” ist. Ich kenne das Gefühl, beiden gerecht werden zu wollen und sich der Einfachheit halber für den leichteren Weg zu entscheiden, obwohl man weiß, dass das eigentlich falsch ist. Aus meiner Erfahrung: es bringt nichts, man zahlt letztlich doch drauf und fühlt sich hinterher auch noch schlecht. Ich finde es sehr bewunderswert, dass Du Deine Situation reflektierst und versuchst, sie zu verbessern. Die Szene im Schwimmbad rührt mich sehr. Ich habe selbst jüngere Geschwister und vermute, dass meine Mutter sich ähnlich gefühlt hat wie Du, und ich, und vermutlich jede Mutter von mehreren Kindern. Ich erinnere mich an das Gefühl von Ohnmacht, das so manche Ungerechtigkeit begleitete, die mir als Kind widerfuhr. Meine Mutter hat mich oft genug wissen lassen, dass sie mich hasst, und das ist das schlimmste Gefühl meiner Kindheit. Es vergiftete alles, letztlich auch die Beziehung zu meinen Geschwistern und das ist dochvdas Letzte, was man als Eltern möchte. Vielleicht finde ich Deinen Text deshalb so schwer verdaulich. Von Hass Deinem Kind gegenüber zu reden… hilft es Dir? Was nützt es, das in die Öffentlichkeit zu tragen? Muss man wirklich alles immer aussprechen? Ich hoffe für Deinen Sohn, dass er davon nie erfährt.
    Wegen meiner Erfahrung als Kind versuche ich, mein Verhalten gut zu reflektieren, um nicht die Fehler meiner Eltern zu wiederholen. Und wenn ich nicht mehr weiterweiß, hole ich mir Hilfe. Unsere Kita bietet Erziehungsberatung an, die nutze ich regelmäßig, um mir Tipps und Lösungsvorschläge abzuholen, oder auch nur die Bestätigung, dass das Kind normal ist und ich auf einem guten Weg. Außerdem lese ich viel zum Thema. Zwei Bücher helfen mir sehr: “Siblings without rivalry” und “How to talk so kids will listen & listen so kids will talk” von Adele Faber und Elaine Mazlish. Sehr interessante Ansätze, und seit ich einige Techniken daraus anwende, schreie ich viel weniger und verstehe mein “anstrengendes” Kind besser. Alles Gute für Deine Familie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.